Konsequent synodal?

14. März 2019 Gesellschaft, Theologie
von Matija Vudjan
Stürmische Zeiten für Papst Franziskus.
Symbolfoto: Benhur Arcayan, Malacanang Photo Bureau/Wikimedia Commons; Lizenz: gemeinfrei

„Es ist das Ende des Pontifikats in dem Sinne, dass Franziskus nicht als Reformpapst in die Geschichte eingehen wird, sondern als Bewahrer.“ Diese Kritik, vorgetragen vom Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller ist nur eine von vielen, die im Anschluss an seine Abschlussrede bei der Kinderschutz-Konferenz im Vatikan vor drei Wochen an den Papst herangetragen wurden. Aber ist diese Kritik auch gerechtfertigt?

Wenn Missbrauch relativiert wird

Bischöfe diskutieren im Vatikan.
Symbolfoto: Centro Televisivo Vaticano
Lizenz: CC BY 3.0

„Billig und rein defensiv.“ „Leere Worte.“ „Fiasko.“ Es spricht für sich, dass der Papst aus (beinahe) allen gesellschaftlichen Ecken kritisiert worden ist, sowohl innerhalb als auch außerhalb der kirchlichen wie theologischen Blase. Der Tenor dabei ist eindeutig: Franziskus habe mit seiner Predigt versucht, Kontrolle über einen Prozess zu erlangen, der ihm – wie auch der Kirche – schon lange aus den Händen geglitten ist. Die Rede sei ein Versuch gewesen, sich auch weiterhin über das Geschehen zu ermächtigen, anstatt – so, wie es angesichts des riesigen Ausmaßes des weltweiten kirchlichen Missbrauchs eigentlich geboten sei – eine demütige und reuige Haltung einzunehmen.

Gewiss: Die Predigt wird nicht als positives Beispiel in Erinnerung bleiben. Muss man in einer Predigt, deren Anlass der massenhafte Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche ist, darauf pochen, „dass 68,9% der Missbräuche innerhalb der eigenen vier Wände des Minderjährigen stattfinden“ (S. 2)? Zeugt es von einer demütigen Haltung, mit Blick auf die verfügbaren Daten darauf zu verweisen, dass es „vor allem Eltern, Verwandte, die Partner von Kinderbräuten, Trainer und Erzieher“ (S. 2) sind, die Kindesmissbrauch begehen? Und was sagt es über das kirchliche Selbstverständnis aus, wenn Franziskus feststellt: „Schauplatz der Übergriffe ist nicht nur der häusliche Bereich, sondern auch das Umfeld des Stadtviertels, der Schule, des Sports und leider auch der Kirche“ (S. 2)?

Angesichts dieser Worte drängt sich (selbstredend) der Eindruck auf, der Papst habe versucht, den kirchlichen Missbrauch durch eine Einbettung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext zu relativieren – zumal im weiteren Verlauf der Predigt Aspekte wie Sextourismus und Pornografie behandelt wurden. Aber macht eine solche Einbettung, eine solche Relativierung den kirchlichen Kindesmissbrauch weniger schlimm?! Ist es etwa keine Katastrophe, dass katholische Geistliche systematisch Missbrauch begangen haben (und immer noch begehen!), nur weil inzwischen nachgewiesen worden ist, dass es in beinahe jeder Institution Missbrauch gibt?! Natürlich nicht!

Der größere Kontext

So wundert die exponierte Kritik an der Abschlussrede nicht. Gleichwohl denke ich, dass man nicht den Fehler machen sollte, die Rede als einziges ‚Ergebnis‘ der Konferenz zu lesen. Franziskus selbst hat noch am Abschlusstag während des Angelus-Gebetes eine deutlich schärfere Aussage getroffen:


Genau eine Woche nach Ende des Missbrauchsgipfels ist Franziskus vom schweizer Missbrauchsopfer Guido Fluri nach einer Privataudienz folgendermaßen zitiert worden:

„Der Heilige Vater hat heute klar und deutlich eine Entschuldigung ausgesprochen und aus tiefstem Herzen um Vergebung gebeten. Er hat sich stellvertretend bei allen Opfern in der Schweiz entschuldigt.“
Guido Fluri (Quelle: kath.ch)

Man kann also nicht von der Hand weisen, dass der Papst dazu imstande ist, den Missbrauchsskandal als das zu bezeichnen, was er tatsächlich ist: die größtmögliche Katastrophe, ein Stachel, der sich tief in das Fleisch der Kirche gebohrt hat. Warum aber dann dieser Dissens zwischen dem offiziellen Statement in der Abschlusspredigt und den persönlichen Aussagen?

Die Lösung als Problem – das Problem als Lösung

Ein nachdenklicher Papst Franziskus.
Symbolfoto: Benhur Arcayan/Malacañang Photo Bureau
Lizenz: gemeinfrei

Mir scheint, dass gerade in dieser persönlichen Dichotomie aus amtlich-öffentlichem sowie persönlichem Auftreten des Papstes das Problem auszumachen ist – und dass darin auch die Lösung zu suchen ist.

Es ist ja keine neue Kritik, dass Franziskus zwar (schon seit Beginn seines Pontifikates) mit bedeutungsschweren Worten zu überzeugen wisse, wenngleich daraus aber bisher nur wenige oder gar kaum Konsequenzen erwachsen sind.

Beim näheren Hinsehen erweist sich diese vermeintliche Widersprüchlichkeit aber als zutiefst konsequent. Von Anbeginn seines Pontifikates an hat Franziskus deutlich gemacht, dass es sein Amtsverständnis (und damit selbstredend auch seine -ausübung) als ein solches, nämlich synodales versteht.

„Die Wiederentdeckung des synodalen Elements als eines konstitutiven Strukturmerkmals der Kirche auf allen ihren Vollzugsebenen […] beruht auf der [… im II. Vatikanum] eingeleiteten Erneuerung […] der Kirche, die sich […] wieder stärker als „Communio“ der Glaubenden bzw. v[on] Kirchen versteht […], was nachkonziliar zu einer […] Aufwertung der Einzelkirchen, die jetzt – in wechselseitige Vermittlung mit der Universalkirche – in vollem Sinn als Kirche gelten […].“
Quelle: M. Kehl, Art. Synode, Synoden, Synodalität. II. Systematisch-Theologisch, in: LThK³ 9 (2000), 1187f., 1187.

Synodalität als päpstliches Leitungsprinzip

Hat sich das synodale Prinzip im deutschsprachigen Raum schon sehr schnell nach dem II. Vatikanum etabliert (man denke nur an die Würzburger Synode 1971–75), so wird man mit Blick auf die universalkirchliche Perspektive behaupten können, dass Franziskus der erste nachkonziliare Papst ist, der dieses Prinzip auch in der obersten Leitungsebene verfolgt. Dahinter steht selbstredend nicht bloß der praktische Vollzug der Maßgaben des II. Vatikanums, sondern auch die (bei Franziskus sicherlich auch biographisch begründete) Einsicht, dass bestimmte Prozesse und Entwicklungen nicht in einem Top-down-Ansatz zu lösen sind, sondern dass Expertise vor Ort dafür viel besser geeignet ist.

Die Polnische Bischofskonferenz bei der Feier der Eucharistie.
Symbolfoto: EpiskopatNews/Flickr
Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Maßgeblich dafür ist die Eigenverantwortlichkeit der Bistümer – und der nationalen Bischofskonferenzen. Aber: Diese scheint nicht überall wahrgenommen zu werden – vielleicht auch nicht wahrgenommen werden zu wollen.

Wir erinnern uns kurz: Erst im vergangenen Jahr eskalierte in der DBK ein Streit um eine Handreichung, die sich mit der Frage beschäftigt, ob der Kommunionempfang für evangelische Ehepartner in einer „geistlichen Notlage“ erlaubt werden solle. Sieben Bischöfe schrieben einen Brief an den Papst mit der Bitte, in der Sache zu schlichten – und zu entscheiden. Franziskus äußerte sich nicht inhaltlich, ließ die deutschen Bischöfe aber schnell wissen, dass sie sich alleine und eigenständig auf eine „einmütige“ Lösung einigen sollten.

Daran hätte der Trierer Bischof Stephan Ackermann denken können, als er im Anschluss an die Kinderschutz-Konferenz bei „Anne Will“ die Verwunderung darüber äußerte, dass Papst Franziskus in seiner Abschlussrede kaum konkrete Maßnahmen angekündigt hat:

„Was machen wir? Gibt es eine To-Do-Liste? Das hätte ich mir auch stärker erwartet.“
Bischof Stephan Ackermann bei „Anne Will“

In dieselbe Kerbe schlug auch Matthias Katsch vom deutschen Operschutzverband „Eckiger Tisch“:

„Die Rede hat mich wütend gemacht. Von den Forderungen die auf dem Tisch liegen, Gesetze der Kirche zu ändern, Null-Toleranz, Regeln für Aufarbeitung und Entschädigung festzulegen – nichts davon ist in dieser Woche geschehen.“
Matthias Katsch bei „Anne Will“

So legitim eine solche Forderung auch sein mag – zumal aus der Perspektive eines Opferschutzverbandes! – scheint sie mir, wenn sie an die Person Franziskus‘ gerichtet ist, doch fehlgeleitet zu sein. Denkt man das Konzept der Synodalität konsequent zuende, kann der einzige Ansprechpartner für eine solche Anklage (zumindest in dem Fall, wenn man sie im Blick auf die Situation hierzulande formuliert) die Deutsche Bischofskonferenz sein! Und gerade hier gibt es offenkundig noch eine Menge Nachholbedarf:

Synodalität als bleibende Herausforderung

Bei alledem geht es mir nicht darum, Rom von jeglicher Schuld freizusprechen. Mir geht es auch nicht darum, die (wirklich) schlechte Abschlusspredigt des Papstes verteidigen. Nur: So wichtig es ist, die Diskussion über den systematischen – und systematisierten – Missbrauch weiterhin in der Öffentlichkeit zu führen, sollte man – gerade um der Sachlichkeit willen – nicht den Fehler machen, alle Ebenen über einen Haufen zu werfen, oder sie gar gleichzusetzen. In Rom müssen andere Hausaufgaben gemacht werden, als in Lingen, Lyon oder Melbourne.

Synodalität ist anstrengend und bedarf der Eigeninitiative, keine Frage. Und doch kommt es jetzt genau darauf an! Wer (gerade als Bischof) vom Papst in einer solchen Sache klare und finale Entscheidungen fordert, hat erstens nicht verstanden, welches Amtsverständnis Franziskus hat, beschneidet zweitens seine eigenen Rechte – und ignoriert drittens seine Pflichten!

Wenn wir in diesen Tagen wiederholt über die Ausmaße des kirchlichen Missbrauchs in Deutschland reden, dann muss selbstverständlich sein: Die deutschen Bischöfe sind am Zug! An ihnen liegt es, den kirchlichen Missbrauch in Deutschland umfassend aufzuklären, für Entschädigungen zu sorgen – und auch ernsthaft Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten. Wer sich jetzt noch hinter dem Papst versteckt, hat nichts verstanden!

Die Abschlussrede des Papstes könnt ihr euch hier ansehen und herunterladen.

Dieser Beitrag stammt von: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs durchgedacht.
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