War Jesus Sünder?

10. Januar 2016 Theologie
von Matija Vudjan
Gemälde: Die Versuchung Jesu in der Wüste – James Tissot (1836-1902); Lizenz: gemeinfrei
„Jesus war den Menschen in allem gleich – nur nicht in der Sünde.“ Schon sehr oft habe ich diesen Satz gehört, so auch heute in der Predigt unseres Pfarrers zum Fest der Taufe des Herrn. Und immer wieder regt mich dieser Satz dazu an, über eine – wie ich meine – besonders heikle Frage nachzudenken: Konnte Jesus sündigen? War Jesus vielleicht sogar tatsächlich Sünder?


Es ist christliche Grundüberzeugung, dass Jesus der Sohn Gottes ist, die zweite Person des dreieinen Gottes. Eigentlich könnte man meine Frage an dieser Stelle bereits als obsolet bezeichnen, denn es ist unbestritten, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, ohne Sünde ist. Gleichwohl legte das Konzil von Chalzedon im Jahre 451 verbindlich fest, dass Jesus „wahrer Gott und wahrer Mensch“ sei. Wenn Jesus also als wahrer (d. h. vollkommener) Mensch zu bezeichnen ist, ist die Überlegung, ob er zur Sünde fähig war, oder im Zweifel tatsächlich sündigte, eine zwangsläufige. Immerhin schreibt Paulus: „Da ist keiner, der nicht sündigt, nicht einer.“ (Röm 3,10)

Die Möglichkeit, dass der Mensch Jesus gesündigt haben könnte, ist also denkbar. Das Neue Testament bezeugt jedoch mehrfach, dass Jesus ohne Sünde war. Im Petrusbrief heißt es: „Er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund war kein trügerisches Wort.“ (1 Petr 2,22) Paulus schreibt im 2. Korintherbrief: „Er [Gott] hat den [Jesus], der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2 Kor 5,21) Am bekanntesten in dieser Hinsicht ist die Perikope von der Versuchung durch den Teufel, der Jesus widersteht (vgl. Mt 4,1-11 par).

Man kann also mit biblischem Befund ausschließen, dass Jesus Sünder war. Damit beantwortet ist noch nicht die Frage, ob Jesus zur Sünde fähig war. Letztlich führt diese Frage – so scheint es mir – in eine Aporie: Nimmt man ernst, dass Jesus wahrer Mensch war, dann ist es logische Konsequenz, dass Jesus zu sündigen fähig gewesen sein muss. Dies wiederum hat (unter der Voraussetzung, dass man die Gottheit Jesu ebenso ernst nimmt) zur Folge, dass Gott selbst zur Sünde fähig sein muss. Ein unvorstellbarer Gedanke!

Wenn ich recht überlege, kann man dem chalzedonensischen Dogma – unabhängig von der konkreten Beantwortung der Frage – zwangsläufig nicht gerecht werden: Kommt man zum Schluss, dass Jesus nicht zur Sünde fähig war, dann schlägt man unter Wert, dass er wahrer Mensch war. Die gegenteilige Behauptung führt wiederum dazu, dass die Gottheit Jesu unterdeterminiert wird. Ich habe das Gefühl, dass mich diese Frage so schnell nicht mehr loslassen wird…

Dieser Beitrag stammt von: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs durchgedacht.
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9 Kommentare zu „War Jesus Sünder?“

  1. Ich denke, er muss fähig gewesen sein dazu, wenn er als Mensch bezeichnet wird und auch dazu geworden ist. Er hat ja auch die Schlüssel, die Sünde zu kreuzigen.

      1. Damit meine ich, die Gewalt über die Sünde zu haben, diese komplett zu lassen, es kommen jedoch ständig neue Sünden, aber alles kann man in ihm überwinden.

      2. Hat Jesus nicht am Sabatt Tontauben gefertigt? Er wurde sogar darauf hin gewiesen, dass Arbeit am Sabatt Sünde sei. Entgangen ist er dem Vorwurf indem er die Tontauben in lebendige verwandelte.
        Kommt doch Beweismittelvernichtung gleich oder?

        1. Das in diesem Beispiel (das aus dem Thomas-Evangelium, also einem apokryphen Evangelium, das nicht zum Kanon der Bibel zählt) diskutierte Verständnis von Sünde ist ein sehr kasuistisches. Die Botschaft, die Jesus dagegenhält, lautet: Der Mensch ist nicht für den Sabbat gemacht, sondern umgekehrt. Mir scheint jedenfalls, dass dieses kasuistische Sündenverständnis ein anderes ist als dasjenige, auf das ich mich in meinem Text beziehe.

  2. Was ist dann mit Matthäus 9,18-26?
    Es handelt sich um die Erweckung des toten Mädchens.
    Handelt er dabei nicht Gott zu Wider? Oder steht dort explizit die Antwort auf das ewige ehtische Dilemma bezüglich lebenserhaltender Maßnahmen?

    Auch interessant Matthäus 12,1-14
    Zum Einen geht es um die Jünger, die am Sabbat Korn von Ähren „pflücken“; zum Anderen heilt Jesus am Sabbat.
    Es wird deutlich gesagt:
    „Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat; er hat zu bestimmen, was an diesem Tag getan werden darf.“

    Wenn Jesus sozusagen die Legislative ist, schließt das nicht aus,dass er selbst zur Sünde fähig ist?

    1. Hmmm… Mir will bei beiden Beispielen (ehrlich gesagt) nicht so recht einleuchten, wie mit ihnen eine nicht gegebene Sündenfähigkeit Jesu begründet werden soll…
      Zu Mt 9,18–26: Die wesentliche Botschaft dieser Perikope ist doch nicht ein Zuwiderhandeln Jesu Gott gegenüber, sondern vielmehr die Tatsache, dass er als der Menschensohn immer dort die Naturgesetze (wenn man es so sagen will) außer Kraft zu setzen vermag, wo Menschen sich aus der Perspektive des Glaubens an ihn wenden.
      Zu Mt 12,1–14: Hier tritt derselbe Zusammenhang zutage wie im Beispiel mit den Tontauben: Es geht um den Streit um ein kasuistisches Verständnis des Sabbats – das ja gerade die Pharisäer vertreten. Entscheidend ist doch, so scheint mir, die folgende Verbindung: Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat, aber mit der folgenden Maßgabe: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer […]“ (V. 7). Dann sind wir wieder im Kern angelangt: Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, nicht umgekehrt.

  3. Hallo,
    ich meine, dass Jesus fähig war zu sündigen. Das schließe ich daraus, dass er sagt: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er (Jesus) erkennt durch sein Leben als Mensch auf Erden, wie schwer es als Mensch ist, nicht in Sünde zu handeln und den rechten Weg zu erkennen. Wie leicht man davon abkommen könnte. Darum bittet er um Vergebung für die, die es nicht besser wissen bzw. die Sünde gar nicht erkennen. Und gleichzeitig ist seine Aussage ein Hinweis darauf, dass er selbst nicht dündigt, denn er gibt sich in dieser extremen Situation nicht Rachegedanken oder Ähnlichem hin.

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