Atheismus in der heutigen Welt. Einleitende Gedanken

16. Februar 2014 Theologie
von Matija Vudjan

Unsere heutige Gesellschaft ist aus religiöser Sicht davon geprägt, dass die christlichen Kirchen für viele Menschen eine zunehmend kleinere Rolle spielen. Seit die Epoche der Aufklärung eine ernsthafte Diskussion über religiöse und theologische Positionen ermöglicht hat, bezeichnen sich immer weniger Menschen als Christen. Zwar stellen Christen in vielen westlichen Ländern immer noch die Mehrheit der Bevölkerung; teilt man die Christen jedoch nach den einzelnen Konfessionen auf, stellen in den meisten Ländern die Konfessionslosen bzw. die Atheisten die größte Gruppe in der Bevölkerung.

In diesen einleitenden Gedanken möchte ich aufzeigen, welche Konsequenzen aus dieser Entwicklung – aus einer christlich-katholischer Perspektive – für den Atheismus entstehen.

Ein paar kurze Statistiken

Es ist eine interessante Tatsache, dass sich, obwohl die Kritik an Religion im Allgemeinen und am Christentum im Besonderen in der Aufklärung (also im 17. und 18. Jh.) begann, bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die wenigsten Menschen im deutschsprachigen Raum von ihrer religiösen „Heimat“ entfernten. Im Gegenteil: 1950 bezeichneten sich noch 96,4% der Deutschen als Christen. 1987 definierten sich bereits 11,4% als Atheisten bzw. Konfessionslose. Bis 2003 ist diese Zahl auf 31,8% gewachsen; da evangelische und katholische Christen zeitgleich nur 31,3% stellten, stellte diese Gruppe zum ersten Mal die nominelle Mehrheit. Bis 2010 (38,2%) hat sich diese Tendenz bestätigt; und es ist wahrscheinlich, dass die Gruppe der Konfessionslosen in einigen Jahren tatsächlich die absolute Mehrheit in der deutschen Bevölkerung stellen wird.[1]

Natürlich sind diese Statistiken nicht für die ganze westliche Gesellschaft repräsentativ (vor allem, weil Deutschland vierzig Jahre lang geteilt war); weil es aber in ganz Europa ähnliche Entwicklungen gegeben hat, zeigen die Statistiken einige wichtige Aspekte im Hinblick auf den Begriff des Atheismus auf (auf den im Weiteren eingegangen wird).

Die Entwicklung vor dem Zweiten Weltkrieg

Zunächst sei die Tatsache genannt, dass die Zahl der Atheisten in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg nicht signifikant angestiegen ist(auch wenn würden man dies erwarten könnte). Daher müssen wir davon ausgehen, dass die Diskussion zwischen Christentum und Atheismus, die sich in der Aufklärung entwickelte, nicht von der gesamten Bevölkerung wahrgenommen wurde, sondern sich nur auf der Ebene der intellektuellen Philosophen und Theologen abgehalten wurde.

In der Tat müssen wir davon ausgehen, dass Menschen, die Feuerbach, Marx oder später Nietzsche oder Freud kannten, oder nicht die Möglichkeit hatten, ihre Argumentationen zu nachzuvollziehen, den Begriff „Atheismus“ im Grunde gar nicht erst kennenlernen konnten, ganz abgesehen davon, dass sie auch nicht in der Lage gewesen sein konnten, die Begrifflichkeit zu verstehen und sie auch anzuwenden. Man kann auch sagen, dass die meisten Menschen den Begriff und die Inhalt des Christentums kannten, sie aber nicht in der Lage waren, mit ihm zu kritisch umzugehen, weil sie kein gedankliches „Werkzeug“ dafür zur Verfügung hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg, ging die Entwicklung von Christentum und Atheismus einen vollkommen anderen Weg. Ostdeutschland wurde von einer autokratischen, anti-religiösen Diktatur kontrolliert. Sprechen über religiöse, und insbesondere christliche Themen war im Grunde unmöglich. Sprach man über „religiöse“ Themen, mussten sie marxistisch-kommunistischen sein – und damit gegen jegliche Form von Religion. Menschen, die ihren Glauben an den christlichen Gott bezeugten, mussten unter verschiedensten Repressionen leiden. In vierzig Jahren hat dieses System sichergestellt, dass sich heute 52 Prozent der in Ostdeutschland lebenden Menschen als Atheisten bezeichnen und nur acht Prozent sagen, dass sie an einen persönlichen Gott glauben.[2]

In Westdeutschland hat sich die Situation differenzierter entwickelt. 1970 gaben noch 93,6 % der Bevölkerung an, Christen zu sein. Aber: nur zwei Jahre zuvor fanden bekanntlich die großflächigen Studentenproteste statt. Weil die Protestbewegung mit dem etablierten kapitalistischen System war, begann sie, eher linksgerichtete sozialistische und kommunistische Literatur zu lesen. Folglich setzten sie sich auch sie anti-religiöse Argumentationen auseinander. Da sich die Kirchen natürlich gegen jede Form des Kommunismus positionierten, begann die Bewegung gegen Religion im Allgemeinen und die christlichen Kirchen im Speziellen zu argumentieren. Da sich die Menschen im Laufe der Zeit immer öfter mit diesen Gedanken identifizierten, konnten sie den Gedanken von Religion nicht mehr denken.

Konsequenzen für den Begriff des Atheismus

Für beide Regionen – sowohl Ostdeutschland als auch Westdeutschland – hat die jeweilige Entwicklung Konsequenzen: Die Menschen haben das „Werkzeug“, um mit dem Begriff des Atheismus zu „arbeiten“. Aber sie kennen den Begriff des Christentums nicht mehr, geschweige denn, dass sie wissen, was die innere Substanz der christlichen Religion ist. Ergo: sie sind nicht in der Lage, ihre Überzeugung in der Auseinandersetzung mit Christen argumentativ darzulegen.

Die abendländische Kultur und Welt ist von der christlichen Entwicklung und dem Einfluss auf dem europäischen Kontinent beeinflusst worden. Dies bedeutet, dass einerseits die Begrifflichkeiten „Religion“, „Theismus“ und „Glaube“ durch die christliche Ethik und Moral zu einem großen Teil beeinflusst werden. In der Aufklärung wurde der Begriff des Atheismus in genau dieser christlichen Umgebung entwickelt. So wie diese schon vor dreihundert Jahren eminent war, ist sie es auch heute noch. Das heißt: wenn jemand behauptet, Atheist zu sein, kann er dies nur im Vergleich und die Abgrenzung zum Christentum und in einer christlich geprägten Sprache tun. Wie wir aber schon herausgestellt haben, sind die wenigsten in der Lage, diese Sprache wirklich anzuwenden. Grundsätzlich bedeutet dies, dass die meisten Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen, faktisch-argumentativ nicht als solche bezeichnet werden können. Nicht umsonst sprechen die Statistiken heute zu Recht von „Konfessionslosen“.

Konsequent gesprochen ist heute nicht der Atheismus die „Religion“ der Mehrheit in der westlichen Gesellschaft, sondern viel mehr ein so genannter Pseudo-Atheismus. Der deutsche evangelische Theologe Wolf Krötke nennt unsere heutige Zeit daher die „Zeit der Gottvergessenheit“.[3] Er sagt:

„[Diese Menschen (die Pseudo-Atheisten)] leben, wie ich vielfach beschrieben habe, in einer derartigen Ferne von Gottesglauben. In dieser Ferne nisten, wenn man sie befragt, sicherlich noch immer die alten atheistischen Argumente. Aber es liegt im Grunde nichts an ihnen. Für Menschen, die Gott vergessen haben, ist der Glaube an Gott unter die Schwelle der Konfliktfähigkeit gesunken.“[4]

Was genau dies für den christlich-atheistischen Dialog bedeutet, werden wir in der nächsten Woche weiter entwickeln. Es sei nur gesagt, dass ich die These von Herrn Krötke vollkommen unterstütze.

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Einzelnachweise:
[1] FoWiD: Religionszugehörigkeit der Bevölkerung in Deutschland 1950-2008. Internetdokument auf <http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Religionszugehoerigkeit_Bevoelkerung__1950-2008.pdf>. Zugriff am 15.02.2014; MV.
[2] Ebd.
[3] Krötke, Wolf: Gottesrede inmitten von Gottesvergessenheit. Zur bleibenden Herausforderung der christlichen Verkündigung Gottes durch den Atheismus. In: Walter, Peter (Hg.): Gottesrede in postsäkularer Kultur. Freiburg i. Br. u. a. 2007 (Questiones disputatae 224), 54.
[4] Ebd., 54f.

Der Autor: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs DURCHGEDACHT

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