„Der Osterspaziergang“

20. April 2011 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Da wir am kommenden Sonnatg Ostern feiern, habe ich dieses Mal ein Ostergedicht aus Goethes Werk Faust ausgesucht:

Der Osterspaziergang (1808)

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
im Tale grünet Hoffnungsglück.
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend nur,
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur;
aber die Sonne duldet kein Weißes:
überall regt sich Bildung und Streben,
alles will sie mit Farben beleben;
doch an Blumen fehlt’s im Revier,
sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre Dich um, von diesen Höhen
nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern;
sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden,
aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbebanden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus der Straßen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! Wie behend sich die Menge
durch die Gärten und Felder zerschlägt,
wie der Fluss, in Breit‘ und Länge
so manchen lustigen Nachen bewegt,
und bis zum Sinken überladen
entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
hier ist des Volkes wahrer Himmel,
zufrieden jauchzet groß und klein.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein! 

aus: Johann Wolfgang von Goethe; „Faust I“

Ostern – da war doch was…

20. April 2011 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Noch vier Tage, dann ist wieder Ostern. Für viele Fernsehsender ist dies Grund genug, nachzufragen, ob sich Passanten mit dem größten christlichen Fest überhaupt auskennen, beispielsweise in folgendem Video:

Quelle: NRW-TV

Nur wenige Menschen kennen also die wahre Bedeutung des Osterfests. Auch wenn ich dies (inzwischen) nicht anders erwartet hätte, halte ich dies dennoch für eine Schande! Das deutsche Volk, bzw. die deutsche Geschichte ist stark vom Christentum geprägt, wie mehrere Politiker schon des Öfteren behauptet haben (z. B. Bundespräsident Christian Wulff oder Innenminister Hans Peter Friedrich) und die Mehrheit der Deutschen kennt nicht den wichtigsten Feiertag der größten Weltreligion!

Dies hat, da bin ich mir absolut sicher, rein gar nichts mit religiösen Überzeugungen einzelner Menschen zu tun; viel mehr wird in solchen Umfragen die Ignoranz der breiten Masse offenbart. Man kann von niemandem fordern, sich einer Religion anzuschließen, allerdings kann man von einem deutschen Staatsbürger mit gesundem Verstand doch ein wenig Respekt erbitten. Respekt vor einer Religion, ohne die ganz Europa heute nicht der am weitesten entwickelte Kontinent wäre.

Der Respekt gegenüber den Religionen – und nach meiner Einschätzung vor allem dem Christentum gegenüber – ist in den letzten Jahren vielen Menschen abhanden gekommen. Dies ist eine sehr traurige und durchaus auch schädliche Entwicklung. Zumal in den meisten Fällen gerade die Menschen, die zu wenig Ahnung vom Christentum haben, anfangen, über die Weltreligion herzuziehen. und genau dies darf nicht passieren. Man kann über alles -auch über das Christentum – diskutieren, allerdings sollte es in solch einem Fall schon möglich sein, genügend wahre Informationen über die Religion zu haben und sich nicht irgendwelche Fakten am Finger herbeizuziehen.

Mein diesjähriger Appell zu Ostern lautet deshalb: Öffnet euch den Religionen! Ich möchte niemanden dazu zwingen, dem Christentum oder einer anderen Religion beizutreten. Ich möchte einfach nur darauf hinweisen, dass es nicht schaden kann, sich ein wenig Allgemeinwissen über die Religionen anzueignen. Denn die Tatsache, dass viele Menschen nicht wissen, was die Bedeutung von Ostern ist, zeugt nicht nur von Ignoranz, sondern offenbart auch eine große Bildungslücke im Staate Deutschland.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Die automatisierte Pizza

7. April 2011 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Seit Beginn der Industrialisierung ist die Gesellschaft immer hektischer geworden. Geschwindigkeit spielt vor allem in den westlichen Ländern eine immer größere Rolle. Nur derjenige, der am schnellsten ist, macht auch den größten Gewinn.

Offensichtlich sind wir heute so weit, dieses Phänomen weiter zu fördern, anstatt dem entgegen zu wirken. Denn: seit letzter Woche steht im Einkaufszentrum am Limbecker Platz in Essen ein Pizzaautomat (Foto folgt noch)! 4€ soll man einwerfen, zwischen drei verschiedenen Geschmacksrichtungen auswählen können und dann zwischen 70 und 90 Sekunden warten. So schnell ist natürlich keine Pizzeria dieser Welt. Fraglich ist nur, ob solch eine vorgebackene Pizza tatsächlich auch so gut schmeckt, wie man es von einer echten italienischen Pizza erwarten kann. Ich wage es, dies zu bezweifeln…

„Wie die Tage macht der Frühling“

29. März 2011 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Für meine neue Kategorie „Gedicht der Woche“ habe ich passend zur momentanen Jahreszeit folgendes Gedicht von Heinrich Heine, meinem Lieblingsdichter herausgekramt:

Wie die Tage macht der Frühling (1844)

Wie die Tage macht der Frühling
Auch die Nächte mir erklingen;
Als ein grünes Echo kann er
Bis in meine Träume dringen.

Nur noch märchensüßer flöten
Dann die Vögel, durch die Lüfte
Weht es sanfter, sehnsuchtmilder
Steigen auf die Veilchendüfte.

Auch die Rosen blühen röter,
Eine kindlich güldne Glorie
Tragen sie, wie Engelköpfchen
Auf Gemälden der Historie.

Und mir selbst ist dann, als würd ich
Eine Nachtigall und sänge
Diesen Rosen meine Liebe,
Träumend sing ich Wunderklänge.

Bis mich weckt das Licht der Sonne,
Oder auch das holde Lärmen
Jener andren Nachtigallen,
Die vor meinem Fenster schwärmen.

aus: Heinrich Heine; „Neue Gedichte“ ; S. 46/47

Übrigens: Auch die Grünen könnten sich dieses Gedicht trotz (oder gerade wegen) ihres großen Wahlerfolges in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zu Gemüte führen…

Eine Zäsur ist es – fragt sich nur, für wen…

28. März 2011 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Die Bundesregierung und insbesondere Bundeskanzlerin Merkel sprachen vor zwei Wochen von einer Zäsur in der Deutschland, als das Moratorium für die sieben ältesten deutschen AKWs beschlossen waren. Nach dem gestrigen Wahlsonntag kann man durchaus von einer Zäsur sprechen – allerdings nicht in der deutschen Energiewirtschaft, sondern viel mehr in der deutschen Politik.

Tatsache ist, dass sich Schwarz-Gelb in den letzten Wochen mit fast jeder Entscheidung blamiert hat. Die Kurswechsel von Union und FDP, die eine maximale Halbwertszeit von einer Woche haben, haben letzten Endes dazu geführt, dass auch der (vermeintlich) letzte Wähler begriffen hat, dass die Regierungskoalition nur aus Lobbypolitikern besteht, die nur das wirtschaftliche Wohl der großen Konzerne im Sinn haben und dabei alles andere (und teilweise auch wichtigere) vergessen. Die Quittung für dieses Wählerverachtende Verhalten ist das Wahlergebnis in Baden-Württemberg.

Auch einen weiteren Punkt kann man sicherlich als Prämisse für das gestrige Wahlergebnis sehen: Ohne die Atomkatastrophe in Japan hätten die Grünen gestern nie ein Ergebnis von 24,2% erreicht. Und man darf auch nicht vergessen, dass der baldige Ministerpräsident Winfried Kretschmann durchaus auch als konservativer CDU-Politiker durchgehen würde – auch das hat gestern für den Wahlausgang sicher ausschlaggebend. Für die Grünen ist dieses Ergebnis die große Chance. Sie können endlich zeigen, dass sie dazu in der Lage sind, realistische Politik zu betreiben; als stärkere der beiden Regierungsparteien liegt auf ihnen ein zusätzlicher Druck. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass die Grünen es schaffen werden, eine Realo-Politik zu betreiben, die auch den konservativen Schwaben oder Baden positiv stimmen wird.

Trotz alledem glaube ich auch, dass die Grünen der SPD auf Dauer (sowohl im Bund als auch in den Ländern) nicht gefährlich werden kann. Dafür ist die sozialdemokratische Partei in der breite der politischen Themen doch zu stark aufgestellt (und die Grünen sind immer noch zu sehr auf die Energiepolitik fokussiert). Allerdings muss sich die SPD fragen, warum sie innerhalb von zwei Wochen zwei Mal nur auf Platz drei in der Wählergunst war. Denn sollte sich die Regierung tatsächlich wieder fangen (wozu es m. E. in näherer Zukunft zwar nicht kommen wird), stünden für die SPD wirklich düstere Zeiten an.