Darf man einen Straftäter öffentlich anprangern?

15. Oktober 2010 Ethik, Gesellschaft
von Matija Vudjan

Stefanie zu Guttenberg, die Frau unseres Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg, hat es sich zur Aufgabe gemacht, potenzielle Kinderschänder aufzudecken und der Öffentlichkeit zu „zeigen“. In der RTL2-Serie „Tatort Internet“ halten sich vermeintlich junge Mädchen (in Wirklichkeit handelt es sich dabei um das Team von Frau zu Guttenberg) in verschiedenen Internet-Chats auf, bis sie von älteren Männern angesprochen werden und mit diesen einen Treffpunkt für bestimmte sexuelle Taten vereinbaren. Bei einem solchen Treffen erscheinen dann allerdings nicht die jungen Mädchen, sondern das Team von RTL2, das alles mit einer Kamera festhält; somit wird der vermeintliche Täter auf frischer Tat ertappt.

Dies ist sicherlich eine gute Idee, um zu zeigen, wie viele pädophile Menschen sich heutzutage im Internet aufhalten. Immerhin sind solche Männer potenzielle Straftäter. Allerdings meldet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) heute, dass die in der Fernsehsendung gezeigten mutmaßlichen Kinderschänder ziemlich leicht identifiziert werden konnten und infolgedessen jetzt Morddrohungen erhalten. Der Sender RTL2, der die Sendung produziert hat (und ansonsten eher für Trash-Formate wie z. B. „Frauentausch“ bekannt ist) scheint also relativ schlampig gearbeitet zu haben. Denn Fakt ist, dass laut Grundgesetz jeder Mensch eine „unantastbare Würde“ hat (§ 1, Abs. 1(1)). Man kann in solch einem Fall getrost auch Diskriminierung sprechen, ein Delikt, der ebenfalls gegen das Grundgesetz verstößt (vgl. § 1, Abs. 2+3). Aus diesen Gründen dürfte die Ausstrahlung dieser Sendung für RTL2 also nicht folgenlos bleiben – man ist allerdings auch fast dazu geneigt, dass dies zurecht so ist.

Letztendlich stellt sich noch die Frage, warum sich Stefanie zu Guttenberg für ihr zweifelsohne gut gemeintes Projekt nicht einen seriöseren Sender als RTL2 ausgesucht hat, denn als Gattin des Bundesverteidigungsministers wird sie sicherlich die Möglichkeit dazu gehabt haben. Denn gerade ein Sender wie RTL2 mit seinen unzähligen Trash-Formaten, die die sozialen Abgründe Deutschlands immer wieder auf belustigende – ja teilweise schon diffamierende – Art und Weise darstellt, scheint für das so wichtige Thema der Pädophilie gänzlich ungeeignet. Würde das Format in einem seriöseren (z. B. Öffentlich-rechtlichen) Sender gesendet werden, so wäre der Lapsus mit der leichten Identifizierungsmöglichkeit der mutmaßlichen Täter sicherlich nicht passiert; man hätte zudem auch die Möglichkeit gehabt, deutlich mehr Menschen zu erreichen.

Letzten Endes kann man eigentlich nur sagen, dass dieses Format von Frau zu Guttenberg definitiv eine sehr gute Idee ist. Allerdings hapert es stark an der Umsetzung eines Projektes dieser Klasse. Denn die Ministergattin hat für ihr Format mit RTL2 einen Sender engagiert, der offensichtlich nur schlampig mit seiner Verantwortung umgeht und somit das gesamte Projekt stark gefährdet. Schade.

Was ein Buch alles ausrichten kann…

10. Oktober 2010 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Thilo Sarrazin (Noch-Mitglied der SPD) war noch nie ein Mann, der sich gescheut hat, seine (recht polarisierende) Meinung öffentlich darzustellen. Dafür wurde er oft genug von Politikern, mitunter auch von eigenen Parteigenossen, scharf kritisiert. Gestört hat ihn dies offensichtlich nicht wirklich, denn erst vor kurzem hat er mit „Deutschland schafft sich ab“ ein Buch veröffentlicht, in dem er das Deutsche Bildungs- und Integrationssystem, aber auch Immigranten an sich scharf kritisiert.

An und für sich ist dies nicht wirklich schlimm, es fördert ganz im Gegenteil sogar eine gesunde Debatte über dieses so wichtige Thema, allerdings hat Herr Sarrazin in seinem Buch einige durchaus als rassistisch aufnehmbare Aussagen, wie z. B., dass die Klugheit bzw. Anpassungsfähigkeit von verschiedenen Menschengruppen (man könnte hier getrost auch das Wort Rassen einfügen) anhand von nur in diesen Gruppen vorkommenden Genen bereits vorbestimmt ist, getätigt. Gerade solche Aussagen sind in Deutschland – hinsichtlich der Deutschen Geschichte – sicherlich unglücklich gewählt, weshalb man die Kritik an Sarrazin durchaus nachvollziehen kann, oder sogar muss. Als Resultat dieser sehr starken Kritik an seiner Person ist Herr Sarrazin bereits aus dem Vorstand der Bundesbank zurückgetreten (was allerdings auch unter starkem Druck des Bundespräsidenten geschehen ist); die Parteispitze der SPD bereitet zudem ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn vor.

Alle diese Vorkommnisse sind schon ein paar Wochen her, sodass wir in den Medien heute kaum noch etwas über Thilo Sarrazin hören. Was von seiner medialen Präsenz allerdings geblieben ist, ist die Integrationsdebatte, die er höchst erfolgreich angestoßen hat. Denn trotz der Tatsache, dass er sich im Buch einige Male mit seinen Formulierungen vergreift, muss man feststellen, dass der frühere Berliner Finanzsenator vielen Menschen in Deutschland (unter ihnen auch viele, die sich politisch konservativ sehen) offensichtlich aus der Seele spricht.

Durch einen einzigen Mann und ein einziges Buch ist also aufgedeckt worden, was Deutsche Politiker seit Jahren zu verschweigen versuchen: dass wir nämlich ein großes Integrationsproblem in Deutschland haben. Umso mehr ist interessant, dass sich plötzlich alle Parteien das Thema Integration groß auf die Stirn schreiben. Denn leider wirkt dies jetzt nur noch wie eine Trotzreaktion auf die Veröffentlichung des Buches von Thilo Sarrazin. Da hilft es auch nicht wirklich, dass Bundeskanzlerin Merkel Sarrazin scharf kritisiert und plötzlich behauptet, ihre Partei würde sich schon seit langer Zeit für eine erfolgreiche Integration von Ausländern einsetzen und dass es seitdem sie regiert schon beachtliche Erfolge gegeben habe. Denn Sarrazin, den die Deutschen momentan offensichtlich für sehr glaubwürdig halten, macht etwas anderes deutlich. Nicht nur unsere Bundeskanzlerin beschäftigt sich mit diesem heiklen Thema.

Auch der Vorsitzende der Schwesterpartei CSU, Horst Seehofer, hat sich erst vor wenigen Tagen zum Thema Integration geäußert, allerdings hat er mit seiner Aussage eine in vollkommen andere Kerbe eingeschnitten als die Bundeskanzlerin, nämlich mehr oder weniger in die von Thilo Sarrazin. Durch seine Aussage, dass man ein Einwanderungsstopp von türkischen Ausländern erzwingen sollte, hat er starke Kritik einstecken müssen. Man muss natürlich bedenken, dass Seehofer diesen Satz nur aus politischen Kalkül gesagt hat, um seine in der letzten Zeit immer weiter nach links abgedriftete Partei nämlich wieder zurück zu ihren konservativen Stammwählern zurückzuführen (wobei sich die Frage stellt, ob eine Aussage wie die von Seehofer wirklich konservativ und nicht doch rassistisch aufnehmbar ist); denn es lässt sich wirklich bezweifeln, ob ein Einwanderungsstopp wirklich der richtige Weg für eine bessere Integration ist.

Bei allem Respekt vor der aktuellen Diskussion scheint sich weit und breit kein Politiker die Frage zu stellen, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, das deutsche Schul- und Bildungssystem so zu verändern, dass wirklich auch jeder einzelne Schwache gefördert werden kann (wovon wir heute im Sozialstaat Deutschland Lichtjahre entfernt sind). Denn ein besseres Bildungssystem würde größtenteils gar nicht erst dafür sorgen, dass so viele unqualifizierte (muslimische) Ausländer in Deutschland leben würden.

Letzten Endes bleibt also die Erkenntnis, dass Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die stark in Vergessenheit geratene Integrationsdebatte endlich wieder belebt hat. Hätte er sein Buch dabei noch sachlicher und so hyperbolisch geschrieben, so wäre er selbst nicht so schnell in der medialen Versenkung gelandet. Viel mehr hätte er der große „Held“ dieser neuen Debatte werden können. Und auch die SPD, die bald ein Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin einleiten wird, hätte das Thema Integration zu ihrer neuen Agenda machen können und so beim heutigen, kritischen Wähler sicherlich den einen oder anderen Pluspunkt ergattern können.

Der Jakobsweg führt durch Essen

7. Oktober 2010 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Es gibt Sachen oder Themen, die man im Laufe der Zeit manchmal einfach vergisst. Genau diese Situation ereignete sich vor kurzem im Ruhrgebiet bezüglich des Jakobswegs.

Erst vor Kurzem wurde bekannt, dass ein kleiner „Vorabschnitt“ des Jakobswegs vom Osten Deutschlands aus kommend über das Ruhrgebiet und Aachen nach Belgien und letztendlich nach Frankreich und Spanien führt.
Dies ist natürlich eine sehr schöne Erkenntnis, die dazu geführt hat, dass der vergessene Jakobsweg ganz schnell wieder aus der Versenkung hervorgeholt wurde. Er wurde sogar schon in einem ökumenischen Gottesdienst feierlich eröffnet.

Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Essen und das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt 2010 sind, ist diese Entdeckung noch einmal ein schöner und vor allem unerwarteter Höhepunkt. Und auch für die Zukunft kann es nur von positiver Bedeutung sein, wenn man als Stadt gilt, die einen „Anteil“ am Jakobsweg hat. Deshalb kann man im Ruhrpott wirklich froh sein, dass diese so geschichtsträchtige Entdeckung gemacht wurde. Denn wer weiß, vielleicht kann man diese sogar zum Anlass nehmen, den Jakobsweg einmal selbst zu laufen…

Die Ruhr-Atolle sind weg

5. Oktober 2010 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Dies wird nicht nur am herbstlichen Wetter ersichtlich; in der Kulturhauptstadt wird es vor allem daran deutlich, dass mehrere besondere Veranstaltungen zu Ende gehen sowie mehrere „Besonderheiten“ abgebaut werden.

Dies passiert seit Montag mit den Ruhr-Atollen auf dem Essener Baldeneysee. Da das Wetter langsam kälter wird und die künstlichen Inseln dadurch geschädigt werden könnten, hatte man am Sonntag das letzte Mal die Möglichkeit, die Gebilde in voller Pracht zu betrachten; am Montag wurden die ersten zum Hafen des Ruhrverbands nach Duisburg abtransportiert.

Somit ist ein relativ starker Besuchermagnet (über 30000 Besucher kamen von April bis Anfang Oktober) aus Essen verschwunden. Bisher ist fraglich, ob die Atolle nächstes Jahr erneut aufgebaut werden. Sollte es nicht dazu kommen (wonach es momentan – leider – sogar aussieht), so kann man dies für den Essener Tourismus durchaus als starken Verlust bezeichnen.