Eucharistiefeier online

23. März 2020 Theologie
von Matija Vudjan
Die Sonntagseucharistie aus dem Kölner Dom: Sechs Menschen feiern vor Ort – und viele mehr über die Medien.
Screenshot: © domradio.de

Wie kann die Kirche in Zeiten der Corona-Krise Gottesdienst feiern? Diese Frage mag (mit Blick auf die vielen Herausforderungen, die das Coronavirus gegenwärtig mit sich bringt) gesamtgesellschaftlich nur wenig Relevanz haben. Binnenkirchlich und -theologisch ist sie aber von existenzieller Bedeutung – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des nahenden Osterfestes. Ich habe am vergangenen Freitag dafür plädiert, in den Medien übertragene Gottesdienste in diesen besonderen Zeiten als vollwertige Gottesdienste zu sehen. Mit dieser Überzeugung habe ich gestern die Sonntagseucharistie im Kölner Dom mitgefeiert. Ein Erfahrungsbericht.

Katholisch mit Herz und Seele

Die folgende persönliche Anmerkung sei kurz vorweg genommen: Ich bin katholisch – und das mit Herz und Seele. Man könnte fast sagen, dass ich mein ‚Katholischsein‘ mit der Muttermilch aufgesogen habe. Für mich ist es seit je her keine Pflicht, sondern vielmehr eine Überzeugung, Sonn- und Feiertags die Eucharistiefeier zu besuchen.

Selbstverständliches ist nicht mehr möglich – so auch die öffentliche Feier von Gottesdiensten.
Bildmontage: Eigenes Foto (Eucharistiefeier); Fusion Medical Animation/unsplash (Coronavirus)

Was im Kindesalter einfach gemacht wurde, weil meine Eltern es wie selbstverständlich vorgelebt haben, ist, je älter ich wurde, immer mehr zu einem inneren Bedürfnis geworden. Heute kann ich sagen, dass es ein ganz wesentlicher Teil meiner Spiritualität ist, am Sonntag die Eucharistie mitzufeiern. Eine Selbstverständlichkeit eben.

Vor diesem Hintergrund hat sich mir persönlich die Frage nach der Notwendigkeit von Gottesdienstübertragungen (wie auch ihrer theologischen Bedeutung!) nie gestellt. Ich erinnere mich daran, dass ich den Abschlussgottesdienst des Weltjugendtags 2005 vor dem Fernseher verfolgt habe, ebenso den zentralen Gottesdienst im Berliner Olympiastadion anlässlich des Papstbesuches im Jahr 2011. Ich verfolge in jedem Jahr an Weihnachten und an Ostern die päpstliche Liturgie aus Rom. Aber in all diesen Fällen habe ich immer nur mitverfolgt bzw. dabei zugesehen, was vor Ort geschieht. Die gottesdienstlichen Feiern mitgefeiert (!) habe ich im Grunde nie; denn es ist für mich eine (bisher nicht infrage gestellte) Selbstverständlichkeit, dass ich selbst körperlich an der Eucharistiefeier teilnehme.

Wenn Selbstverständliches nicht mehr möglich ist

Wie schnell Selbstverständliches radikal angefragt und aufgebrochen wird, zeigt uns die Corona-Krise gerade in besonders eindrücklicher Weise: Es ist aus guten Gründen nicht mehr erlaubt, öffentliche Gottesdienste zu feiern. Weil für mich aber die Mitfeier der Sonntagseucharistie auch in der aktuellen Lage eine Selbstverständlichkeit bleibt, habe ich mich dazu entschlossen, die vom Domradio übertragene Eucharistiefeier mit Kardinal Woelki aus dem Kölner Dom mitzufeiern. Wie ich diese Form des Mitfeierns empfunden habe, möchte ich im Folgenden kurz ausführen.

Vor dem Gottesdienst

Wir haben in unserer kleinen Hausgemeinschaft (die aus drei Personen besteht) abgemacht, dass wir die Eucharistie so mitfeiern wollen, als wären wir tatsächlich im Kirchenraum mit anwesend. Das heißt: Wir singen alle Lieder (wer hätte mal gedacht, dass es nützlich sein würde, zu Hause mehrere Gotteslöbe zu haben!) und sprechen alle Akklamationen mit. Und: Wir wollen nicht sitzend vor dem Fernseher verweilen, sondern nehmen alle Körperhaltungen ein, die wir auch in einer ‚regulären‘ Eucharistiefeier einnehmen würden. Wir erhoffen uns von diesen ‚Maßnahmen‘, dass sie uns eine möglichst aktive und tätige Mitfeier des Gottesdienstes ermöglichen.

Ich merke vor Beginn des Gottesdienstes aber, dass meine Vorbereitung darauf heute anders ausfällt als sonst. Während ich normalerweise etwa 15 Minuten vor dem Gottesdienst im Kirchenraum bin, um zur Ruhe zu kommen und mich innerlich darauf einzustimmen, ist das im heimischen Wohnzimmer nicht ohne Weiteres möglich. Zum einen, weil im Domradio vor dem Gottesdienst noch ein anderes Programm läuft, zum anderen, weil ich mich durch den heute vollkommen ‚anderen‘ Raum abgelenkt fühle. Ein Wohnzimmer ist eben keine Kirche.

Einzug und Beginn des Gottesdienstes

Kardinal Woelki begrüßt alle Mitfeiernden.
Screenshot: © domradio.de

In der Marienkapelle des Kölner Doms feiern sechs Personen die Eucharistie mit. Alle ziehen gemeinsam in den Gottesdienstraum ein – gerade jetzt ist das, wie ich finde, ein sehr eindrückliches Zeichen. Kardinal Woelki begrüßt zu Beginn die Mitfeiernden, die über die vielfältigen Medien verbunden sind – er bekundet, „dass wir heute Morgen eine große virtuelle Gemeinde und Gemeinschaft bilden […], ganz gleich, wo wir uns gerade aufhalten.“

Während des Wortgottesdienstes

Ich erwische mich dabei, dass ich viel intensiver als sonst verfolge, wie die biblischen Lesungen vorgetragen werden und was ihr Inhalt ist. Und ich merke, dass ich deutlich intensiver über das nachdenke, was ich gerade höre. Hängt das mit der besonderen Situation zusammen? Oder ist das tatsächlich dem Medium „Fernseher“ geschuldet? Das werden die nächsten Wochen zeigen. Es ist natürlich ein (sehr schöner) Zufall, aber es passt heute perfekt, dass der Antwortpsalm Ps 23 ist („Der Herr ist mein Hirte …“) – mein liebster Bibeltext.

Predigt und Fürbitten

Kardinal Woelki verknüpft in seiner Predigt das Tagesevangelium vom Blinden, der zwei Mal das Licht erblickt (vgl. Joh 9,1–41) mit der aktuellen Situation: So wie der Blinde nach seiner Heilung zunächst blind bleibt für Christus, so geschieht es auch uns Gläubigen immer wieder. Aber: Jesus macht sich auf die Suche nach dem Geheilten ist und schenkt ihm zum zweiten Mal das Licht. Er ist es, der auf uns Menschen zugeht und sucht – gerade in Krisenzeiten wie diesen. So werden wir – insbesondere in Situationen der Not und des Leids – ermächtigt, ein Leben in Christus zu führen.

In den Fürbitten wird sehr ausführlich auf die aktuelle Situation eingegangen. Ich empfinde die Fürbitten gerade deswegen als sehr einfühlsam. Mich irritiert allerdings, dass sie vom Diakon vorgetragen werden und nicht von einem der anwesenden Lai*innen.

Agnus Dei und Kommunionspendung

Die Elevation des eucharistischen Brotes.
Screenshot: © domradio.de

Der Erzbischof macht – wie schon zu Beginn sowie in der Predigt – auf die Ausnahmesituation aufmerksam, in der wir uns befinden und die auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Eucharistie hat: All diejenigen, die die Eucharistie über die Medien mitfeiern, können nun nicht die Hl. Kommunion empfangen. Er verweist – auch in Rückgriff auf seine Predigt – auf die schon seit einigen Jahrhunderten bestehende Tradition der ‚geistigen Kommunion‘, also der geistigen Vereinigung mit Christus. In diesem Sinne trägt er ein Gebet vor, in dem darum gebeten wird, den Beter „in dieser Stunde geistig zu speisen.“ Ich habe den Eindruck, dass die Situation dem Kardinal selbst nahe geht.

Die Kommunion selbst nicht empfangen zu können, empfinde ich – es dürfte nicht verwundern – als absolut ungewohnt. Auch wenn ich weiß, dass wenigstens die im Kölner Dom physisch Anwesenden die Kommunion empfangen haben und ich mich den vielen anderen Menschen verbunden fühle, denen es gerade so gehen dürfte wie mir, werde ich den Gedanken des Defizitären nicht los: Hier fehlt gerade etwas total Wesentliches.

Abschluss und Auszug

Kardinal Woelki spricht allen Mitfeiernden Kraft, Mut und Zuversicht für die kommende Zeit zu und bedankt sich bei all denen, die an diesem Morgen „mit uns [die Eucharistie; MV] gefeiert haben.“ Noch einmal betont er, dass alle gemeinsam – die vor Ort anwesenden und die über die Medien verbundenen – eine gemeinsame Gebetsgemeinschaft gewesen sind. Beim Auszug verlassen – so wie bereits beim Einzug – alle Teilnehmenden gemeinsam den Gottesdienstraum. Dabei fällt mir auf, dass tatsächlich jede der anwesenden Personen einen liturgischen Dienst übernommen hat.

Vor dem Agnus Dei: Kardinal Woelki verweist auf die ‚geistige Kommunion‘.
Screenshot: © domradio.de

Wie ich die Eucharistiefeier empfunden habe

Ich habe im Nachgang das Gefühl, eine besonders gestaltete Eucharistiefeier mitgefeiert zu haben. Nicht nur aufgrund der besonderen Situation, sondern auch, weil ich gemerkt habe, dass die Corona-Krise und all ihre Konsequenzen im Gottesdienst in einer sehr einfühlsamen Weise aufgegriffen wurden. Kardinal Woelki hat dabei, so empfinde ich es zumindest, den ‚richtigen Ton‘ getroffen.

Es ist ohne Frage ein (nicht unerheblicher) Unterschied, ob man die Hl. Messe vor Ort mitfeiert, oder ob man über die Medien verbunden ist. Aber: Ich kann von mir sagen, dass ich die Eucharistiefeier tätig mitgefeiert habe. Die fehlende Möglichkeit des Kommunionempfangs ist definitiv ein Defizit, das auch durch die ‚geistige Kommunion‘ nicht aufgefangen wird. Nichtsdestoweniger fühle ich mich geistig gestärkt, vor allem durch die Art und Weise, wie ich das Wort Gottes in dieser Hl. Messe gehört habe und wie es in mir gewirkt hat.

Für den jetzigen Moment kann ich festhalten: In der gegenwärtigen Ausnahmesituation halte ich die Mitfeier der Eucharistie über die Medien – und die dabei entstehende Gebetsgemeinschaft (Stichwort: Leib Christi) – für eine mehr als würdige Form des gottesdienstlichen Lebens. Ich bin gespannt, wie (und: ob) sich diese Einschätzung in den kommenden Wochen entwickeln wird.

Dieser Beitrag stammt von: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs durchgedacht.
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2 Kommentare zu „Eucharistiefeier online“

  1. Genauso muss auch ich sagen, dass mir die übertragenen Gottesdienste innerlich mehr bringen als so manches Mal die am Ort mitgefeierten Gottesdienste, wo öfter der Priester nur einen Predigttext abliest, den er irgendwo im Internet gefunden hat. Und dann kam bei diesem „Gemeindegottesdienst“, wie ich ihn erlebt habe, hinzu: beim Friedensgruss wurde sich damals aufwendig die Hand gegeben (was zZt. nicht möglich ist), aber nach dem Gottesdienst draußen vor der Kirchentür kannte einen keiner mehr…
    Also: macht die Fernsehgottesdienste weiter (die 1978 mal bei mir in Kirchrode angefangen haben), sie sind sehr hilfreich und gut.

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