Stehende Ehrfurcht?

25. Februar 2018 Theologie
von Matija Vudjan
Die Spendung der Hl. Kommunion. Symbolfoto: pixabay.com; Lizenz: public domain – CC0

Der Präfekt der römischen Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, der innerhalb der liturgischen Debatten für konservative Positionen bekannt ist, wird auf katholisch.de neuerdings mit der These zitiert, es zeige einen Mangel an Ehrerbietung gegenüber den Zeichen Gottes, die Kommunion auf die Hand zu empfangen. Einzig die Mundkommunion sei des Empfangs der Eucharistie würdig. Wer so argumentiert, reduziert die Ehrfurcht vollkommen auf das Körperliche.

Kardinal Robert Sarah.
Foto: François-Régis Salefran/Wikimedia Commons; Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Position ist keine neue, im Gegenteil: Seit im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils die Möglichkeit der Handkommunion eröffnet worden ist, wird darüber gestritten, wie ein würdiger Kommunionempfang auszusehen hat. Neu ist hingegen – soweit ich es einschätzen kann –, mit welcher Vehemenz der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung die Position vertritt.

Die theologischen Argumente (die auch Kardinal Sarah nennt) sind dabei seit Beginn der Auseinandersetzungen im Wesentlichen die gleichen geblieben: Erstens sei es ein Zeichen der mangelnden Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten, die Kommunion in die Hände zu nehmen. Als „Zeichen der kindlichen Freude (!) und der Anbetung“ sei es konsequent, die Eucharistie kniend und auf den Mund zu empfangen. Als Gewährsmann und -frau führt Sarah Papst Johannes Paul II. sowie Mutter Theresa an: diese hätten es niemals gewagt, den Leib Christi anzufassen.

Ein zweites Argument, das Sarah selbst nicht direkt nennt, lässt sich daraus ableiten – und wird auch immer wieder angebracht: Es sei schon deswegen unangebracht, die Hostie mit den Händen zu berühren, weil diese unrein seien. Durch die Berührung werde auch der Leib Christi verunreinigt. Drittens verweist Sarah – ausgehend vom Gebet Jesu im Garten Getsemani (vgl. Mt 26,39) – darauf, dass sich in der Kirche von Beginn an das kniende Beten als angemessene Form herausgestellt habe.

Alle drei Argumente kann man – so mein Eindruck – in aller Kürze zurückweisen. Erstens scheint mir die Art und Weise, wie Sarah Erfurcht versteht, nicht konsistent zu sein. Es ist m. E. widersprüchlich, das eine kniende Körperhaltung mit einer „kindlichen Freude“ in Verbindung zu setzen. Dass Kardinal Sarah zwei Heilige für seine Zwecke vereinnahmt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Zweitens scheint mir auch die strikte Trennung zwischen ‚innen‘ und ‚außen‘ eine widersprüchliche zu sein: Wer außen unrein, also Sünder ist, der ist es auch innen, und umgekehrt. Und drittens hat die Liturgiewissenschaft inzwischen ausführlich erwiesen, dass das Knien eine Körperhaltung ist, die sich erst im Hochmittelalter entwickelt. Die Alte Kirche kannte einzig das Stehen als liturgische Körperhaltung.

Ich möchte diese Argumente hier nicht im Einzelnen durchgehen, das ist an anderer Stelle schon zu Genüge geschehen. Mein zentraler Eindruck ist aber – und darauf kommt es mir hier an –, dass Kardinal Sarah eine völlig verengte Vorstellung davon hat, was Ehrfurcht ist. Er beraubt sie nämlich ihres wesentlichen Charakteristikums, wenn er sie ausschließlich auf äußerliche körperliche Merkmale bezieht: ihrer Innerlichkeit.

Wer sich nur auf Äußerlichkeiten fokussiert, verkennt, dass Ehrfurcht zuallererst eine innere Haltung ist, ein inneres sich-Öffnen für die Begegnung mit dem Herrn: Bin ich mir bewusst, dass ich in den Gestalten von Brot und Wein mit dem auferstandenen Herrn begegne, der sich mir zuwendet und schenkt? Unter diesem Verständnis ist Ehrfurcht keine Furcht im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Zeichen des Bereit-seins dafür sowie der Vorfreude darauf, sich von der Herrlichkeit Gottes erfüllen zu lassen. In diesem Sinne ist Ehrfurcht auch ein Zeichen der „kindlichen Freude“ – wie Kardinal Sarah selbst schreibt.

Unter diesem Vorzeichen ist das Knien nicht als unehrwürdige Körperhaltung abzulehnen – im Gegenteil! Aber ebenso wenig wird man dann z. B. einen Freundentanz im Angesicht des Kommunizierens als unangemessen bezeichnen können. Denn: unter diesem Vorzeichen ist Ehrfurcht eine zutiefst individuelle Größe.

Der Autor: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs DURCHGEDACHT

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