Interreligiöser Dialog und persönliche Offenheit

25. September 2014 Gesellschaft
von Matija Vudjan

Wie einige von euch bereits wissen, war ich vorletzte Woche auf einer theologischen Exkursion in Berlin, die vor dem Hintergrund eines Seminars stattfand, das sich mit dem Thema „Religiöse Vielfalt“ auseinandersetzte – ein Thema, das uns in unserer pluralen Gesellschaft früher oder später alle betreffen wird. Gerade im Hinblick darauf, wie wir selbst damit umgehen wollen. Welche Erkenntnisse ich dabei für mich persönlich mitnehmen konnte, möchte ich euch heute berichten.

Fortschreitende Pluralisierung der Gesellschaft

Ein Meilenstein im interreligiösen Dialog: Das 4. interreligiöse Gebet für den Weltfrieden in Assisi 2011.
Foto: Stephan Kölliker/Wikimedia; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Anders als man vielleicht vermuten würde ist Berlin alles andere als eine nicht-religiöse oder gar atheistische Stadt. Im Gegenteil: An der „langen Nacht der Religionen“, die am 6.9. in der Hauptstadt stattfand (nähere Informationen →hier), nahmen 97 Veranstalter aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften teil; die Gesamtheit der religiösen Vereinigungen und Gemeinschaften in der größten deutschen Stadt ist damit nicht einmal abgedeckt. Und trotzdem ist diese Zahl beeindruckend, zeigt sie doch, dass verschiedene Gemeinschaften (mit verschiedenen Glaubens- sowie Lebensformen und damit auch Ausübungen dessen) auf engstem Raum leben können – nicht nur nebeneinander, sondern auch und vor allem miteinander.

In Fragen der Säkularisierung nimmt Berlin – ein Stück weit zusammen mit dem Ruhrgebiet – aufgrund seiner sozialen sowie religiösen Struktur (gesamtgesellschaftlich betrachtet) eine Vorreiterrolle ein. Nicht wenige Experten sind der Auffassung, dass die beiden größten deutschen Ballungsräume in soziologischer Sicht ein Spiegel dessen sind, wie es in Gesamtdeutschland in 20 bis 30 Jahren aussehen wird: Die „etablierten“ christlichen Kirchen werden kleiner und verlieren immer mehr an eigenem Einfluss; dafür wachsen und bilden sich andere Religionsgemeinschaften vermehrt aus. Kurzum: Bestehende (und bekannte) soziale sowie religiöse Strukturen brechen auseinander, die Pluralisierung der Gesellschaft schreitet in mehrfacher Hinsicht voran.

Offenheit durch Auflösung bestehender Grenzen

Man kann dieses Szenario nun entweder verteufeln, oder sich ihm öffnen. Man kann eine Mauer um sich selbst (und seine religiösen Überzeugungen) bauen und sich innerhalb dieser verbarrikadieren, oder offenen Herzens auf die anderen (in unserem Fall Religionsgemeinschaften) zugehen. Wenn ich in Berlin eines gelernt habe, dann ist es, dass letzteres nicht nur nicht weh tut, sondern ein äußerst fruchtbarer Schritt ist – auch für den eigenen Glauben!

Was bedeutet das konkret? Ganz einfach kann man es folgendermaßen umschreiben: Man muss bereit dazu sein, durch die Gesellschaft – oder auch durch sich selbst – gesetzte Grenzen aufzulösen. Ein Beispiel (das ich in Berlin selbst erleben durfte): Es ist ein klassisches Vorurteil unserer Gesellschaft, dass der Islam eine Religion sei, die Gewalt propagiere. Bestärkt wird diese Vorstellung spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, und natürlich insbesondere durch die Vorkommnisse im Nahen Osten nach dem arabischen Frühling – mit den terroristischen Machenschaften des IS als bisherige Spitze des Eisberges.

Die wenigsten von uns beschäftigen sich aber letztlich konkret mit den Fragen, die der Islam in hierzulande heute impliziert, sondern sehen die in der Gesellschaft verbreiteten Vorurteile als die einzige Wahrheit an. In Berlin haben wir während einer interreligiösen Führung durch Neukölln das Berliner Sufi-Zentrum (Anm. an dieser Stelle: der Sufismus ist eine Form der islamischen Religionsausübung) besucht, in dem der dort ansässige Sufi jede Form der Gewaltausübung als nicht mit dem Islam vereinbar verurteilte. Vielmehr sei der Islam in sich eine Religion, die den Frieden der Menschen untereinander als Ziel habe. Ein sehr ergreifendes, ja gar intensives Zusammentreffen, zumal die Argumentation des Sufi fast eins zu eins auf das christliche Doppelgebot der Liebe übertragbar war bzw. ist.

Zwischen Religionen gibt es selbstredend Trennendes. Aber ich habe in Berlin auch gelernt, dass es zwischen verschiedensten Religionen unglaublich viele Gemeinsamkeiten gibt. Meine These lautet deswegen: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu und mit anderen können wir nur dann erarbeiten sowie für uns selbst positiv kanalisieren, wenn wir unsere Grenzen, d. h. unsere Vorurteile auflösen und offen auf die anderen zugehen, uns wirklich und ernsthaft für sie interessieren. Ich bin zudem davon überzeugt, dass solch ein Unterfangen – sofern man es denn gewissenhaft angeht – sowohl für die eigenen religiösen Überzeugungen fruchtbar sein kann, als auch einen ernsthaften, gesamtgesellschaftlichen interreligiösen Dialog ermöglichen kann. Mein Eindruck ist, dass Berlin da auf einem guten Weg ist. Andernorts habe ich da eher meine Zweifel…

Zusammenfassende Gedanken

Ich habe es anfangs bereits erwähnt: Nirgends in Deutschland ist der Pluralisierungsprozess so weit fortgeschritten wie in Berlin. Wahrscheinlich ist man dort auch gerade deswegen im interreligiösen Dialog fortgeschritten. In Zukunft wird man aber auch in anderen Städten nicht umher kommen, den Dialog zu den anderen Religionsgemeinschaften zu suchen. Entscheidend dabei wird sein, vollkommen offen, d. h. ohne Vorurteile an einen solchen Prozess heranzutreten. Unter dieser Prämisse kann ein interreligiöser Dialog sowohl den eigenen Glauben stärken, als auch gesamtgesellschaftlich für mehr Miteinander sorgen.

Grafik oben: verändertes Originalwerk von Manop/Wikipedia (Lizenz: gemeinfrei)

Der Autor: Matija Vudjan

Student der katholischen Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. Autor des Blogs DURCHGEDACHT

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